Wiener Forschende beweisen: Allergien sind kein lebenslanges Schicksal
Große österreichische Langzeitstudie zeigt erstmals: Allergische Sensibilisierungen können verschwinden – und im Erwachsenenalter neu entstehen.
Wer als Kind gegen Gräserpollen allergisch reagiert, bleibt es für immer – so lautete die gängige Lehrmeinung. Eine neue Studie aus Wien widerlegt dieses Bild grundlegend.
Forschende der LEAD-Studie (Lung, hEart, sociAl, body) am Ludwig Boltzmann Institut für Lungengesundheit, der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und dem Wiener Gesundheitsverbund haben in der größten österreichischen Langzeitstudie dieser Art gezeigt: Allergische Sensibilisierungen – also die Neigung des Immunsystems, auf Allergene zu reagieren – sind weit dynamischer als bisher angenommen. Sie können sich zurückbilden, schwanken und sogar noch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter neu entstehen.
Die Ergebnisse wurden soeben im renommierten Fachjournal Clinical and Translational Allergy veröffentlicht.
Was ist eine allergische Sensibilisierung – und warum ist das wichtig?
Eine allergische Sensibilisierung bedeutet, dass das Immunsystem eines Menschen auf harmlose Umweltstoffe wie Blütenstaub, Hausstaubmilben oder Tierhaare mit einer überschießenden Reaktion „programmiert“ ist. Dieser Zustand ist die Voraussetzung für allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis – er lässt sich zuverlässig mit einem einfachen Pricktest auf der Haut nachweisen.
Bisher galt: Wer einmal sensibilisiert ist, bleibt es. Therapien könnten Symptome lindern, die Sensibilisierung selbst aber sei ein stabiles, unveränderliches Merkmal. Diese Annahme ist falsch – das zeigt die LEAD-Studie nun mit eindeutiger wissenschaftlicher Evidenz.
Die Studie: 5.046 Österreicher:innen, über ein Jahrzehnt beobachtet
Für die Studie wurden 5.046 Menschen aus der österreichischen Allgemeinbevölkerung – vom Kind bis zur älteren Person, im Alter zwischen 6 und 82 Jahren – über drei Messzeitpunkte hinweg begleitet, mit einem durchschnittlichen Abstand von gut vier Jahren zwischen den Besuchen. Bei jedem Besuch wurde ein standardisierter Hautpricktest durchgeführt, der die Reaktion auf zwölf häufige Luftallergene prüfte: darunter Gräser, Birke, Esche, Ragweed (Beifußblättriges Traubenkraut), Hausstaubmilben, Schimmelpilze sowie Hunde- und Katzenhaare.
Das Ergebnis liefert erstmals ein vollständiges Lebensspannen-Bild der Allergieneigung in der Bevölkerung – von der Kindheit bis ins hohe Alter.
Die wichtigsten Befunde auf einen Blick
Allergien sind beweglicher als gedacht. Von den 5.046 Studienteilnehmer:innen blieben 54,4 % dauerhaft nicht-sensibilisiert und 30,6 % dauerhaft sensibilisiert. Aber bei mehr als 15 % der Menschen veränderte sich der Status im Laufe der Zeit:
- 5,6 % verloren ihre Sensibilisierung vollständig – das heißt: ihre Allergie verschwand.
- 4,8 % entwickelten erstmals eine neue Sensibilisierung – auch noch als Erwachsene.
- 4,6 % schwankten – mal positiv, mal negativ, abhängig von Jahreszeit und Umwelt.
Allergien können in jedem Lebensabschnitt neu entstehen. Neue Sensibilisierungen waren zwar am häufigsten bei Kindern und Jugendlichen – aber auch bei Erwachsenen mittleren Alters und sogar bei älteren Menschen traten neue Allergien auf. Vor allem Ragweed (Ambrosia), Baumpollen und Tierhaare lösten neue Sensibilisierungen aus.
Klimawandel und Umwelt spielen eine zentrale Rolle. Die zunehmende Verbreitung von Ragweed in Österreich und Europa, längere Pollensaisons durch wärmere Temperaturen sowie steigende Haustierhaltung erklären, warum neue Allergien auch im Erwachsenenalter entstehen können. Wer bereits auf Außen-Allergene sensibilisiert ist, entwickelt mit größter Wahrscheinlichkeit weitere Sensibilisierungen – 62 % taten dies im Beobachtungszeitraum.
Saisonale Allergene schwanken besonders stark. Ragweed und Ribwort (Spitzwegerich) zeigten die unbeständigsten Muster – ihre Sensibilisierung hing stark vom Pollenflug der jeweiligen Saison ab. Gräserpollen hingegen waren am stabilsten und am häufigsten vertreten (über 50 % der Sensibilisierten reagierten darauf).
Wer im Alter ist, verliert Allergien häufiger. Bei Menschen über 60 Jahren war die Rückbildung von Sensibilisierungen am häufigsten – besonders gegen Hunde und Schimmelpilze. Das Immunsystem verändert sich im Alter, was dazu beitragen dürfte.
Elterliche Allergieneigung bleibt der stärkste Risikofaktor. Wer Eltern mit Allergien hat, ist deutlich häufiger dauerhaft sensibilisiert. Daneben spielen bestimmte Blutwerte (Eosinophile) eine wichtige Rolle als Marker stabiler Allergieneigung.
Was bedeutet das für Betroffene und das Gesundheitssystem?
„Allergische Sensibilisierung ist kein unveränderliches Schicksal, sondern ein dynamischer Zustand, der vom Alter, vom Lebensstil und von der Umwelt beeinflusst wird und das verändert unser Verständnis von Allergie aber auch begleitende Erkrankungen wie Asthma, sagt Breyer-Kohansal.
Für Betroffene bedeutet das: Eine einmalig festgestellte Allergie muss nicht für immer bestehen. Regelmäßige Kontrollen – auch bei Menschen, die bisher keine Allergie hatten und Symptome entwickeln – sind sinnvoll, insbesondere in Regionen mit hoher Pollenbelastung oder zunehmendem Ragweed-Vorkommen.
Für Ärzt:innen und das Gesundheitssystem bedeutet es: Allergietestungen sollten kein einmaliges Ereignis sein. Wer heute negativ getestet wird, kann morgen – nach einem Umzug, einer Klimaveränderung oder mit zunehmendem Alter – eine Sensibilisierung entwickeln. Therapien wie die Allergen-Immuntherapie (Desensibilisierung) könnten künftig gezielter eingesetzt werden.
Die LEAD-Studie: Österreichische Wissenschaft für die Bevölkerung
Die LEAD-Studie (Lung, hEart, sociAl, body) ist eine der größten bevölkerungsbasierten Langzeitstudien Europas. Seit 2011 werden Wiener:innen und Menschen aus dem Umland regelmäßig zu Lunge, Herz, Körper und Lebensstil untersucht – von Kindern bis zu Hochbetagten. Die Studie wird vom Ludwig Boltzmann Institut für Lungengesundheit, der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und des Wiener Gesundheitsverbundes getragen.
Seniorautorin Univ.-Doz.in Dr. Robab Breyer-Kohansal, Leiterin der Abteilung für Atemwegs- und Lungenerkrankungen an der Klinik Hietzing und Initiatorin der LEAD-Studie, betont: „Nur weil wir Menschen über einen langen Zeitraum wiederholt untersucht haben, konnten wir diese Dynamik sichtbar machen. Querschnittsstudien hätten diese Veränderungen nie aufgedeckt.“
Publikation
Lim CJM, Omar A, Pötscher S, Breyer MK, Franssen FME, Wouters EFM, Breyer-Kohansal R.
Temporal Patterns of Allergen Sensitisation in the General Population: The LEAD Study.
Clinical and Translational Allergy, 2026; 16:e70181.
https://doi.org/10.1002/clt2.70181
